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Der Name der Leute - eine Komödie mit Köpfchen

Autor(en): Mirijam Trunk am Mittwoch, 13. April 2011

Und schon wieder kommt ein Komödienknaller aus Frankreich: Nach „Das Schmuckstück“ im März überzeugt nun eine unkonventionelle Komödie Kritiker und Lachmuskeln. Voller Provokation, Idealismus und politischer Inkorrektheit nimmt der Film „Der Name der Leute“ (Le nom de gens) den Heiligenschein Frankreichs aufs Korn.

Und schon wieder kommt ein Komödienknaller aus Frankreich: Nach „Das Schmuckstück“ im März überzeugt nun eine unkonventionelle Komödie Kritiker und Lachmuskeln. Voller Provokation, Idealismus und politischer Inkorrektheit nimmt der Film „Der Name der Leute“ (Le nom de gens) den Heiligenschein Frankreichs aufs Korn.

Der Inhalt

Namen machen Leute. So sieht es zumindest die junge Algerierin Bahia Benmahmoud. Keiner in Frankreich trägt den gleichen Namen wie sie – und keiner in Frankreich ist wie sie. Extrovertiert und bis ins Extreme ihrer politischen Ideologie verfallen, schert sie sich nicht, was andere von ihr denken.

Arthur Martin ist einer von tausenden Franzosen, die denselben Namen tragen. Und genauso fühlt er sich: Unauffällig, introvertiert, durchschnittlich. Auch sein Geld verdient er wenig gesellig als Ornithologe, indem er tote Vögel untersucht.

Auf den ersten Blick scheinen Arthur und Bahia das gegensätzlichste Paar zu sein, das man sich überhaupt vorstellen kann. Während Arthur Thesen über die Vogelgrippe aufstellt, schläft Bahia mit rechten Politikern, um sie von ihrer Ideologie abzubringen. Dennoch haben der Franzose und die Halb-Algerierin mehr gemein als auf den ersten Blick ersichtlich ist. Beide kommen aus Familien, in denen schlimme Vorfälle passiert und totgeschwiegen wurden. Arthurs Mutter hat den Holocaust hautnah miterlebt, dennoch nie darüber gesprochen. Bahia wurde in ihrer Kindheit sexuell missbraucht – dennoch wurde dieser Vorfall in der Familie nie zum Thema gemacht. Alles, was nur im Entferntesten mit den schlimmen Ereignissen verbunden war, wurde gemieden, entfernt oder einfach totgeschwiegen. 

So treffen sich der französische Arthur und die exotische Bahia und verlieben sich trotz ihrer Verschiedenheit. Im Laufe ihrer Beziehung entdecken sie schließlich auch ihre Gemeinsamkeiten. Der Durchschnittsfranzose und die selbsternannte „Pute Politique“ (dt. politische Hure) werden ein Liebespaar – das gemeinsam dem Land Frankreich seinen Heiligenschein abnimmt: Den „Schein-Heiligen“ Mantel der Verdrängung, der Lügen, aber vor allem des Schweigens.

Die Kritiker

Charmant, erfrischend, geistreich und witzig. So findet das internationale Publikum den Film von Regisseur Michael Leclerc. Doch auch die Kritiker und Academys stimmen zu: Der Film war bei der diesjährigen César-Verleihung, dem wichtigsten französischen Filmpreis, viermal nominiert. Zweimal zählte der Streifen zu den Gewinnern – mit einem Preis für das beste Original Drehbuch und einem für die beste Hauptdarstellerin.

Die Darsteller

Beide Auszeichnungen sind sicherlich zu Recht an „Der Name der Leute“ vergeben worden. Vor allem die Hauptdarstellerin Sara Forestier – unter anderem bekannt aus Filmen wie „Das Parfüm“ – spielt die Rolle der Bahia mit solch einer Überzeugungskraft, dass dem Zuschauer kein Zweifel an der Kompromisslosigkeit der überzeugten Linksaktivistin bleibt. Für ihre Rolle geht sie, wie die radikale Bahia, aufs Ganze – zeigt sich nackt in der U-Bahn und rennt ungeniert oben ohne durch den Supermarkt. Zugleich verleiht sie der jungen Frau aber eine kindliche Naivität und Verletzbarkeit, so dass die totgeschwiegenen Erlebnisse unter der Oberfläche zu spüren bleiben.

Der männliche Hauptdarsteller Jacques Gamblin bildet hierzu den optimalen Gegenpart: Trocken, charmant und selbstironisch steht Arthur Martin neben der auffälligen Bahia. Er bremst die engagierte Aktivistin zunächst, wird dann aber von ihrer Energie selbst belebt. Der Zuschauer wird Zeuge, wie aus dem Durchschnittsfranzosen Arthur ein – zwar immer noch trockener – aber selbstständig denkender, lebhafter und vor allem verliebter Mann wird.

Die dritte Hauptfigur tritt zwar nicht offen auf, ist aber dennoch allgegenwärtig: Frankreich. Für den einen die Heimat, für den anderen der Feind. Die Laster Frankreichs – oder besser der französischen Kultur – werden nie offen angesprochen. Sie zeigen sich in dem täglichen Leben der Hauptpersonen. Die kleinkarierte Mittelschicht, für die Küchengeräte das höchste der Gefühle sind. Die Immigranten, denen nie eine vollkommene Integration gelingen konnte. Und schließlich die Geheimnisse, die unter der Oberfläche aller Wohnzimmer brodeln, aber aus lauter Angst davor, was mit dem Aussprechen der schlimmen Ereignisse passieren könnte, einfach totgeschwiegen werden. 

Fazit

Viele Filme wurden in den letzten Jahren über sexualisierte Gewalt, Kriege und vor allem über den Holocaust gemacht. Viele gehen ins dramatische, sind oft voller Effekte, selten witzig und wenn dann eher lächerlich. Der Film von Regisseur Michel Leclerc verpackt kritische Themen in eine leichte, unterhaltsame und dennoch intelligente Oberfläche. Eine charmante Liebesgeschichte mit Tiefgang, eine Komödie mit Köpfchen, eine Art Historienfilm mit Unterhaltungswert. Mit geistreichen Dialogen statt technischen Effekten und witzigen Ereignissen statt dramatischen Szenen provoziert und unterhält dieser Film, regt aber gleichzeitig zum Nachdenken an. Weiter so, Frankreich!

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